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Daniels Weltreise

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Sa
18
Dez '10

Von der Tiefe in die Höhe – mein Vertical Limit

4 Uhr aufstehen. Es ist immer noch kalt im Hostal. Verdammt kalt. Ich schlafe ja gerne im Kühlen. Aber hier ist es so kalt und feucht, dass auch die Handtücher nicht trocknen. Wir befinden uns in der Nähe des Cotopaxi Nationalparks. Denn wir wollen den Cotopaxi besteigen und beginnen heute unsere erste Akklimatisierungswanderung, den Iliniza Norte, 5.126 Meter über dem Meer.

Unser Fahrer heizt mit dem Land Cruiser über die Straße. Oder besser über die Piste. Das Auto kann schon einiges ab. Trotzdem fährt er viel zu schnell, finde ich. Plötzlich scheppert es. Wir halten an und steigen aus. Oh nein, die Antriebswelle für den Allrad ist abgebrochen! Der ganze Strang hängt am Boden, mindestens 4 Schrauben fehlen. Das fängt ja gut an. Wir warten im Nieselregen eine halbe Stunde auf das andere Team mit den netten jungen Amis. Wir quetschen uns auf die Rückbank und in den Kofferraum. Die windige Serpentinen-„Straße“ zum Startpunkt für Los Ilinizas ist selbst mit Allrad eine Herausforderung. So manche Stelle müssen wir mehrfach angehen. Es hat viel geregnet, der Untergrund ist schlammig und rutschig. Schließlich sind wir da, auf 4.050m. Wir packen unsere Sachen und marschieren los. Der Aufstieg geht heute schon viel leichter von der Hand als vor ein paar Tagen. Die Akklimatisierung lohnt sich also.

Nord- und Süd-Gipfel des Los Ilinizas verstecken sich in Wolken. Wir kommen auf den ersten Grat. Es wird immer nebeliger. Schließlich fängt es zum Schneien an. Auch der Wind legt stetig zu. Es fängt an zu stürmen. Der Schneesturm fegt über den Grat, das einzige Hindernis sind wohl wir. Na gut, bei schönem Wetter kann da ja jeder hoch. Ich komme mir vor wie in einer Katastrophen-Doku einer Mount Everest Besteigung. Aber alles halb so wild, es wird nur ziemlich kalt und etwas ungemütlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit – 4 Stunden – kommen wir zum Refugio auf 4.700m. Auch dort ist es saukalt. Aber es gibt warmen Mate Coca Tee und die Hände kann man sich am Heißwassertopf aufwärmen.

Es wird heute wohl nichts mit dem Gipfel. Wir bräuchten unsere Steigeisen. Und die haben wir nicht mitgenommen. Wir warten, aber es wird nicht besser. Nach einer halben Stunde beschließen wir es morgen erneut zu probieren, deponieren unseren Helm und unsere Eispickel im Refugio und steigen wieder ab. Ziemlich schnell. Das geht auf meine Knie. Plötzlich stelle ich fest, dass ich meinen GPS-Tracker verloren habe. Verdammt, ich ärgere mich. Ist ja nicht wirklich schlimm, aber eben ärgerlich.

Der Rückweg kommt mir viel länger vor als der Aufstieg. Wir kommen am Ausgangspunkt an. Unser Auto ist nicht da. Wir marschieren die Serpentinen Richtung Tal. Marco, unser Guide, ruft an und teilt uns mit, dass der Jeep unten im Schlamm stecken geblieben ist. Wir müssen die ganze lange Straße hinunter laufen. Ich bekomme Kopfweh, meine Zehen tun weh und meine Knie wollen auch nicht mehr. Irgendwann sind wir unten. Kein Wunder, dass es der uralte, halbkaputte Chevrolet-Jeep nicht durch den Schlamm geschafft hat. Um halb zwei sind wir wieder im Hostal. Hoffentlich klappt der Aufstieg auf den Ilinizas morgen. Das wäre die ideale Vorbereitung für den Cotopaxi.

***

Los Ilinizas, die Zweite. Wir starten etwas später. 7 Uhr Frühstück, 8 Uhr Abfahrt. Die Gipfel liegen wieder in den Wolken versteckt. Der Aufstieg zum Refugio gestaltet sich problemlos. Ab 4.300 Meter fängt es wieder zum Regnen und schließlich zum Schneien an. Das Wetter ist einfach nicht gut. Wir steigen in einem relativ entspannten Tempo auf. Trotzdem zehrt der Aufstieg an meinen Kräften – ich bin noch ermüdet vom Vortag. Im Refugio essen wir unser Lunchpaket und trinken Mate Coca Tee. Es ist kalt und ich bin froh, dass ich 4 Schichten + Regenjacke anhabe.

Nach nur kurzer Pause bläst unser Guide zum Abmarsch Richtung Gipfel. Jawoll, heute soll es wohl klappen! Wir legen die Steigeisen an. Es ist das erste Mal für uns alle. Na, dann mal los. Ich habe noch keine Ahnung, was da tatsächlich auf uns zukommt. Der Iliniza Norte sei ein technisch einfacher Berg, 5.126 Meter hoch, also gute 400 Höhenmeter ab dem Refugio. Nach wenigen 100 Metern kommen wir zum ersten steilen Stück: Fels und Schnee, es geht steil bergauf. Rechts und link geht es dramatisch steil bergab. Da sollte man auf keinen Fall abrutschen. Wir bilden keine Seilschaft. Dann kann es ja nicht so gefährlich sein. Denke ich.

Die ersten Versuche mit den Steigeisen sind anstrengend. Doch der Halt ist erstaunlich. Neben uns steigt noch eine Gruppe ohne Steigeisen auf. Ich frage mich, wie die das machen. Ich habe selbst mit Steigeisen verdammt viel Respekt vor dem Aufstieg. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir hier wirklich so ein raues Territorium vorfinden würden, ganz anders als der Aufstieg bis zum Refugio. Ich muss mich maximal anstrengen. Unser Guide Marco treibt mich an. Entgegen meiner Hoffnung bleibt der steile Teil auch keine Ausnahme, im Gegenteil. Der Schnee wird immer höher, es schneit obendrein und ist kalt. Wenigstens stürmt es nicht.

Wir schlagen uns durch steile Abhänge, der Schnee geht mir bis zur Hüfte. Ich bin eigentlich schon am Ende meiner Kräfte, sinke immer wieder tief im Schnee ein. Angst habe ich Gott sei Dank keine. Obwohl es grundsätzlich so steil in die vernebelte Tiefe hinabgeht, dass ich allen Grund dazu hätte. Wenn doch wenigstens die Sicht gut wäre. Aber nur Nebel um uns herum. Anstatt mir mal eine Pause zu gönnen, triezt mich Marco immer weiter. Er geht mittlerweile voraus, viel zu schnell. Ich kann nicht mehr. Ich mache meine Pause, wann ich will. Oder muss. Denn ich habe keine Lust, mit einem unkonzentrierten Fehltritt noch mehr Energie zu verlieren oder gar abzustürzen.

Daran denken wir lieber erst gar nicht. Wie viel man doch mit Selbstmotivation erreichen kann: Ich reiße mich zusammen und aktiviere weitere Reserven. Wir sind unserem Guide viel zu langsam. Aber hallo, wir machen das zum ersten Mal und die Schneeverhältnisse sind katastrophal! Die Route scheint kein Ende nehmen zu wollen. Ich muss immer öfter Pause machen. Wir sind schon zwei Stunden unterwegs. Sollte der Aufstieg denn nicht nur Zweieinhalb Stunden dauern? Mir wird ein bisschen schlecht. Marco sagt, wir sind zu langsam. Ich bekomme Kopfweh. Was, noch eine Stunde bis zum Gipfel? Ich nehme alle Kräfte zusammen.

Es geht halsbrecherisch weiter. Tiefer Schnee, steile Aufstiege. Ohne Sicherung natürlich. Mit Eispickel und Stock. Ich rutsche immer öfter unkontrolliert herum. Obwohl ich mittlerweile ein gutes Gefühl für und Vertrauen in die Steigeisen habe. Schließlich sehen wir den letzten Peak. Die Rettung ist nah! Es wird nochmal richtig steil. Ich glaube nicht, dass ich das tatsächlich mache. Mit ein paar Pausen und aller Kraft quäle ich mich hoch. Und da bin ich endlich. Am Gipfel. Angekommen. Nach gut 3 Stunden. Normalerweise braucht man 2,5 Stunden. Na, so lahm waren wir doch gar nicht, wie Marco immer sagt. Mir brennt der Kopf, die Beine sind müde. Wir verweilen fünf Minuten, schießen ein paar Siegerfotos. Die Sicht ist leider – auch ganz oben – schlecht, man sieht nur Nebel in alle Richtungen. Auch keine Sonne von oben.

Dann beginnt der Abstieg. Nicht so anstrengend, aber gefährlicher. Man muss sich sehr konzentrieren. Ich konditioniere mich auf „Du hast es geschafft, jetzt geht es wieder nach Hause“. Meine nicht-wasserfeste Hose von der Agentur ist vom Schnee durchtränkt. Ich bin von oben bis unten pitschnass. Wenn man sich bewegt spürt man die Kälte und Nässe nicht so. Auch beim Abstieg muss ich regelmäßig ausruhen. Marco und José, der andere Guide, rennen vorweg. Ich finde das ziemlich übel. William, mein Schweizer Gefährte, bleibt immer bei mir und hält mich bei Laune. Mann, das ist so unglaublich viel wert! Nach einer guten Stunde kommen wir wieder am Refugio an. Ich bin total am Ende. Ich konnte auf dem Rückweg kaum etwas trinken, so übel war es mir. Im Refugio geht es mir ein bisschen besser, ich trinke Coca Tee mit viel Zucker. Das wirkt. Ich bin immer noch nass von oben bis unten. Sitzen! Was für ein Gefühl! Sitzen!

Ich beschließe, den Cotopaxi nicht zu besteigen. Ich bin maßlos über meine Kräfte gegangen. Doch die Reserven, die man besitzt, sind erstaunlich. Nach einer Viertelstunde beginnt der Abstieg. Es schneit und regnet weiter unten. Ich werde immer nasser. Was eigentlich kaum noch geht. Zum Glück ist der Abstieg kein Problem. Es wird nur sehr rutschig weil extrem viel Wasser den Berg herab fließt. Auch wird es langsam dunkel. Ich stelle auf Durchzug und freue mich schon mal auf eine heiße Dusche. Badewanne wäre noch besser, gibts hier aber nirgends. Wir erreichen nach einer gefühlten Ewigkeit das Auto. Im Kriechtempo fahren wir zum Hostal. Es ist bereits sieben Uhr. Mann, gib doch mal Gas! Ok, die Straße lässt das wirklich nicht zu. Mein Kopfweh kommt und geht. Wenigstens gibt es heißes Wasser im Hostal. Ich habe aber keinen trockenen Pulli mehr. Wir drapieren unsere nassen Sachen um die offenen Kamine. Es ist wieder kalt und feucht im Schlafzimmer. Es gibt gutes Essen. Als ich aufstehen möchte merke ich, dass mir jetzt alles wehtut. Aber das war klar. Ich war total übersäuert. Doch ich bin froh, dass ich wohlbehalten wieder runter gekommen bin. Ich bin ein bisschen stolz auf mich. Wir gehen schlafen. Im eiskalten Schlafzimmer. Ich kann sogar meinen Atem sehen.

2 comments »

2 Kommentare zu “Von der Tiefe in die Höhe – mein Vertical Limit”

  1. Nadja Says:

    meinen vollen Respekt Dani!!!

  2. Cathi Says:

    Wirklich unglaublich!

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